
Wie wir unsere Wahrnehmung schulen, Yi bewusster einsetzen und unsere eigene Übungspraxis vertiefen können.
Als ich zum ersten Mal mit Zhineng Qigong in Berührung kam, war ich zunächst vor allem damit beschäftigt, die Bewegungsabläufe der Stufe-1-Methode – Qi anheben und ausgießen – zu erlernen. Ich konzentrierte mich darauf, die einzelnen Übungen richtig auszuführen und mir die Abläufe einzuprägen.
Mit der Zeit veränderte sich meine Wahrnehmung. Die Bewegungen wurden fließender und natürlicher. Gleichzeitig begann ich, mehr auf das zu achten, was über die äußeren Bewegungen hinausgeht: Wie richte ich meinen Geist aus? Worauf lenke ich meine Aufmerksamkeit? Was nehme ich während der Übung wahr?
Wenn wir die Übungen Schritt für Schritt bewusster und mit einem besseren Verständnis für ihre innere Ausrichtung ausführen, können wir unsere Praxis vertiefen. Dabei schulen wir unseren Geist und unsere Achtsamkeit, verfeinern unsere Wahrnehmung und entwickeln ein tieferes Verständnis für das Zusammenspiel von Körper, Geist und Qi. So können wir die Möglichkeiten der Übungen zunehmend besser ausschöpfen. Auch ihre Wirkung kann sich immer mehr entfalten.
Vom Erlernen der Bewegungen zur bewussten Praxis
Am Anfang geht es meist darum, die Bewegungsabläufe kennenzulernen. Wir achten auf unsere Körperhaltung, üben die einzelnen Bewegungen und versuchen, sie richtig auszuführen. Das ist eine wichtige Grundlage.
Mit der Zeit werden uns die Abläufe vertrauter. Die Bewegungen fallen uns zunehmend leichter und wir bekommen ein besseres Gefühl dafür, wie sie ineinandergreifen. Unser Blick richtet sich nun auch stärker auf die innere Ausführung der Übungen. Wie nehmen wir die Bewegungen wahr? Welche Vorstellung begleitet sie? Und worauf richten wir unseren Geist aus?
Die äußeren Bewegungen bleiben dieselben. Doch wir führen sie zunehmend bewusster aus und achten stärker darauf, was innerlich dabei geschieht. Bewegung, Vorstellung und Aufmerksamkeit kommen auf diese Weise immer mehr zusammen.
Wie können wir unsere Praxis vertiefen und verfeinern?
Wenn wir unsere Praxis vertiefen möchten, können wir auf verschiedene Dinge achten: auf unsere Körperhaltung und die Ausführung der Bewegungen, auf die Ausrichtung unseres Geistes, unsere Wahrnehmung und das Verständnis für die einzelnen Übungen. Dabei handelt es sich nicht um eine Liste, die wir Punkt für Punkt umsetzen müssen. Vielmehr sind es unterschiedliche Ansatzpunkte, die sich gegenseitig ergänzen und im Laufe unserer Übungspraxis immer selbstverständlicher ineinandergreifen.
1. Die Körperhaltung verfeinern
Ein entspannter Körper bedeutet im Zhineng Qigong nicht, dass wir sämtliche Spannung loslassen. Vielmehr geht es um ein ausgewogenes Verhältnis von Spannung und Entspannung: locker, aber nicht schlaff; aufgerichtet und stabil, aber nicht starr.
Der Körper soll aufgerichtet und zentriert sein, ohne dass wir uns unnötig anspannen. Wir können uns das wie einen Schwamm vorstellen: Er ist weich und elastisch, behält aber dennoch seine Form.
Dabei achten wir auf eine natürliche Aufrichtung der Wirbelsäule, entspannte Schultern, weiche Knie und einen stabilen Stand. Die Gelenke bleiben locker, sodass die Bewegungen frei und natürlich fließen können.
2. Die Bewegungen bewusster ausführen
Wir nehmen uns Zeit für die einzelnen Bewegungen und achten darauf, wie sie ineinandergreifen. Dabei üben wir ruhig, fließend, sanft und natürlich. Es geht nicht darum, alles möglichst perfekt zu machen, sondern die Bewegungen aufmerksam und ohne unnötige Anspannung auszuführen
3. Yi mehr in die Praxis einbeziehen
Vor und während einer Bewegung können wir uns bewusst machen, welche innere Vorstellung dazugehört und worauf wir unseren Geist richten möchten.
Im Zhineng Qigong bezeichnet Yi (意) die geistige Absicht oder Intention, mit der wir unseren Geist bewusst ausrichten. Mit zunehmender Übung fällt es uns leichter, Yi bewusst einzusetzen und die innere Vorstellung mit der Bewegung zu verbinden. Dabei geht es nicht darum, die Vorstellung mit Anstrengung festzuhalten. Sie soll uns vielmehr ruhig und natürlich durch die Bewegung begleiten.
4. Die innere Wahrnehmung vertiefen
Während der Übungen richten wir unsere Aufmerksamkeit auch auf das Körperinnere. Wie fühlt sich die Bewegung an? Was nehmen wir im Körper wahr? Wir bleiben offen für unterschiedliche Empfindungen, ohne sie zu bewerten oder gezielt nach bestimmten Erfahrungen zu suchen.
5. Die Aufmerksamkeit schulen
Wir üben, mit unserer Aufmerksamkeit bei den Bewegungen und den dazugehörigen Vorstellungen zu bleiben. Wenn unsere Gedanken abschweifen, bemerken wir das und kehren ruhig zur Übung zurück. Mit der Zeit fällt es uns leichter, bei der Praxis zu bleiben und uns ganz auf die Übung einzulassen. Dabei kann das gewohnte Zeit- und Raumgefühl in den Hintergrund treten.
6. Im ganzheitlichen Qigong-Zustand üben
Im Zhineng Qigong praktizieren wir die Übungen im ganzheitlichen Qigong-Zustand. Dabei richten wir unsere Vorstellung darauf aus, uns als Qi-Körper zu erfahren, der mit dem Qi des weiten Raums verbunden ist. Wir beziehen also nicht nur den eigenen Körper, sondern auch den umgebenden Raum in unsere Vorstellung mit ein.
7. Das Verständnis für die Übungen vertiefen
Mit zunehmender Erfahrung können wir uns auch näher mit dem Aufbau und der Zielsetzung der einzelnen Übungssequenzen befassen. Wir verstehen, warum bestimmte Bewegungen so gestaltet sind und welche Bedeutung sie für die jeweilige Übung haben. Wenn wir die Hintergründe einer Übung kennen, können wir auch ihre praktische Ausführung besser nachvollziehen. Wir lernen, worauf es bei den einzelnen Bewegungen und der dazugehörigen inneren Ausrichtung ankommt. Dieses Wissen unterstützt uns bei unserer Praxis. Theoretisches Wissen und praktische Erfahrung ergänzen sich so zunehmend.
Yi in der praktischen Anwendung
Yi begleitet die Bewegungen und die dazugehörigen Vorstellungen. Dabei richten wir unseren Geist bewusst und klar auf das aus, was wir mit der jeweiligen Bewegung innerlich verbinden möchten. Dabei geht es nicht darum, angestrengt nachzudenken oder jeden Vorgang gedanklich zu kontrollieren. Vielmehr lassen wir die Vorstellung ruhig und natürlich mit der Bewegung verbunden sein.
Ein Beispiel aus der Praxis
Nehmen wir eine Bewegung aus der Stufe-1-Methode: Wir heben die Arme langsam seitlich nach oben über den Kopf. Dabei stellen wir uns vor, Qi aus der Umgebung aufzunehmen und es mit der Bewegung als großen Qi-Ball nach oben zu führen. Unsere Aufmerksamkeit folgt der Bewegung der Arme und dem vorgestellten Qi-Ball. Wenn wir die Arme über dem Kopf halten, richten wir Yi darauf aus, das Qi über den Kopf in den gesamten Körper einströmen und sich ausbreiten zu lassen. Gleichzeitig nehmen wir das Körperinnere wahr.
Zur natürlichen Einheit
Wenn wir regelmäßig üben, greifen Bewegung, Vorstellung und Ausrichtung des Geistes immer selbstverständlicher ineinander. Der Körper bleibt entspannt und durchlässig, die Bewegungen kommen ins Fließen und Yi ist klar ausgerichtet. Bewegung, innere Vorstellung und geistige Ausrichtung werden dabei immer weniger als einzelne Elemente erlebt, sondern verbinden sich zu einer natürlichen Einheit.
Wir müssen uns nicht mehr auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren. Stattdessen können wir uns ganz auf die Übung einlassen, ohne uns anzustrengen oder etwas erzwingen zu wollen.
Die Wahrnehmung verfeinern
Während wir üben, können wir immer mehr darauf achten, was in unserem Körper geschieht. Vielleicht spüren wir einzelne Bewegungen deutlicher oder nehmen unseren Körper stärker als Ganzes wahr. Auch Empfindungen, die wir im Zhineng Qigong mit Qi in Verbindung bringen, können deutlicher hervortreten.
Eine verfeinerte Wahrnehmung zeigt sich allerdings nicht unbedingt in besonders intensiven Empfindungen. Manchmal sind es gerade die feinen Veränderungen, die uns auffallen und die wir früher vielleicht übersehen hätten.
Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Nicht jeder erlebt die Übungen auf dieselbe Weise. Deshalb sollten wir bestimmte Empfindungen weder erwarten noch gezielt herbeiführen. Sie sind auch kein Maßstab für die Qualität unserer Übung oder unseren Fortschritt.
Mit der Zeit verändert sich die Praxis
Die eigene Übungspraxis entwickelt sich in der Regel langsam und verläuft nicht immer geradlinig. Es gibt Übungseinheiten, in denen wir besonders konzentriert sind und viel wahrnehmen. An anderen Tagen fällt es uns schwerer, die Aufmerksamkeit zu halten. Auch das gehört zur Entwicklung unserer Praxis.
Mit regelmäßiger Praxis schulen und stärken wir Schritt für Schritt unsere Fähigkeiten. Unsere Achtsamkeit entwickelt sich weiter, wir lernen, unseren Geist bewusster auszurichten, und entwickeln eine feinere Wahrnehmung für unseren Körper und das, was während der Übungen geschieht. Auch die Verbindung zum Qi-Feld und das Erleben des ganzheitlichen Qigong-Zustands können sich dadurch vertiefen.
Die Übung selbst bleibt dabei dieselbe. Doch wir verändern uns und bringen mit zunehmender Erfahrung andere Voraussetzungen mit. Dadurch können wir immer feiner wahrnehmen und tiefer praktizieren.
Und genau das ist das Schöne daran: Eine Übung, die wir vielleicht schon seit Jahren praktizieren, kann uns immer wieder neue Erfahrungen und Erkenntnisse ermöglichen.
