
In meinem Qigong-Unterricht richten wir uns von Anfang an bewusst auf die Lebensenergie – das Qi – aus. Für den Einstieg praktizieren wir eine einfache Basismethode des Zhineng Qigong: La Qi. Dabei geht es unter anderem darum, Qi zwischen den Händen wahrzunehmen.
Manche Teilnehmer nehmen schon bald Wärme oder ein Kribbeln zwischen den Händen wahr. Andere spüren dagegen kaum etwas oder gar nichts. Gerade dann kann schnell die Unsicherheit entstehen: Fehlt bei mir etwas? Mache ich die Übung vielleicht nicht richtig?
Oder es entsteht ein Vergleich: Die anderen spüren Qi, ich aber nicht. Also übe ich vielleicht nicht richtig. Und manchmal geht die Bewertung noch weiter: Vielleicht bin ich einfach nicht gut genug dafür.
Eine bestimmte Qi-Empfindung ist kein Maßstab dafür, wie gut du Qigong praktizierst. Und wenn du nichts spürst, bedeutet das nicht automatisch, dass deine Praxis wirkungslos ist.
Stell dir vor, zwei Menschen stehen sich gegenüber und halten ihre Hände mit etwas Abstand voreinander. Der eine spürt Wärme und ein deutliches Kribbeln. Der andere nimmt überhaupt nichts wahr. Beide üben aufmerksam und entsprechend der Anleitung.
Aus der Tatsache, dass einer mehr spürt als der andere, lässt sich nicht ableiten, dass einer „mehr Qi“ hat oder besser übt. Es kann durchaus sein, dass jemand feiner wahrnimmt als ein anderer. Eine feinere Wahrnehmung kann Teil der Entwicklung in der Qigong-Praxis sein. Sie allein sagt jedoch nicht aus, wie gut jemand übt.
Woran können wir uns stattdessen orientieren? Daran, wie bewusst und aufmerksam wir üben, wie sorgfältig wir die Methode ausführen und ob wir zunehmend in der Lage sind, Körper, Geist und Qi als Einheit zu erfahren. Qigong ist kein Vergleich. Jeder Mensch nimmt anders wahr und entwickelt seine eigene Praxis.
Warum üben wir überhaupt, Qi wahrzunehmen?
Wenn Qi-Spüren kein Maßstab ist, warum üben wir dann überhaupt eine Methode, bei der es darum geht, Qi zwischen den Händen wahrzunehmen?
Im Zhineng Qigong arbeiten wir von Anfang an bewusst mit Qi. Die eigene Erfahrung kann dabei helfen, einen unmittelbaren Zugang zu dieser Praxis zu entwickeln. Was wir selbst erfahren, wird für uns greifbarer als etwas, das wir nur gedanklich verstehen. Die Wahrnehmung von Qi kann die Praxis bereichern und vertiefen. Sie ist aber keine Voraussetzung dafür, Qigong bewusst zu praktizieren.
Was bedeutet es überhaupt, Qi zu spüren?
Qi kann dabei auf unterschiedliche Weise erfahren werden. In einer Übung wie La Qi richten wir unsere Aufmerksamkeit auf das Sammeln von Qi zwischen den Händen. Bei anderen Übungen, etwa bei Dehnungen oder bestimmten Körperbewegungen, kann das innere Qi aktiviert und dadurch deutlicher erfahrbar werden.
Wärme, Kribbeln, Druck, Pulsieren oder andere Empfindungen können dabei spürbar werden. Wenn du solche Empfindungen wahrnimmst, können sie aus Sicht des Zhineng Qigong eine Wahrnehmung von Qi sein.
Wie Qi wahrgenommen wird, ist jedoch individuell. Eine Empfindung allein ist kein Beweis dafür, dass die Praxis wirksam ist. Und wenn eine solche Empfindung ausbleibt, ist das für sich genommen ebenfalls kein Hinweis darauf, dass die Übung wirkungslos ist.
Unsere Wahrnehmung kann sich verändern
Gerade am Anfang einer Qigong-Praxis ist unsere Aufmerksamkeit noch sehr mit der Übung selbst beschäftigt. Wir achten auf die Körperhaltung und die Bewegungsabfolge oder sind insgesamt noch auf die äußeren Bewegungen konzentriert.
Mit zunehmender Übung werden die Bewegungen vertrauter. Wir müssen nicht mehr über jeden einzelnen Schritt nachdenken und können unsere Aufmerksamkeit zunehmend nach innen richten. Dadurch kann sich auch unsere Wahrnehmung verfeinern. Empfindungen, die anfangs kaum auffallen, können mit der Zeit bewusster wahrgenommen werden.
Vielleicht nimmst du irgendwann Wärme, Kribbeln oder andere feine Empfindungen wahr. Vielleicht bleibt deine Wahrnehmung aber auch anders, als du es erwartet hast. Es gibt kein festgelegtes „So muss sich Qi anfühlen“.
Ohne Erwartung sein
Beim Einstieg in Qigong muss nicht feststehen, wie sich Qi anfühlen wird oder welche Wirkung die Übungen haben werden. Die eigene Wahrnehmung darf sich entwickeln – ohne Erwartung und ohne Bewertung.
Wenn wir uns zu sehr darauf konzentrieren, unbedingt eine bestimmte Empfindung hervorzubringen – Ich möchte Qi spüren. Wann passiert es endlich? Spüre ich jetzt etwas? – wird unser Geist eher unruhig. Wir sind dann zu sehr im Wollen. Gerade dadurch wird es schwieriger, das wahrzunehmen, was tatsächlich entsteht. Eine bestimmte Qi-Empfindung lässt sich nicht erzwingen.
Mit der Zeit entsteht aus dem eigenen Erleben oft ein tieferes Verständnis. Vielleicht wird manches deutlicher, vielleicht bleibt anderes ganz subtil. Sich auf die Übung einzulassen und mit Freude zu praktizieren, ist wichtiger, als einer bestimmten Erfahrung hinterherzulaufen.
Entscheidend ist vielmehr, wie wir üben: ruhig, präsent und aufmerksam, mit innerer Ausrichtung und ohne Erwartungen.
