Was geschieht mit deiner Energie zwischen den Qigong-Übungen?

 

Viele Menschen erleben nach einer Qigong-Einheit einen ruhigen, klaren und ausgeglichenen Zustand. Der Körper entspannt sich, der Geist kommt zur Ruhe und man fühlt sich wieder voller Energie.

Doch dieser Zustand hält oft nicht dauerhaft an. Schon einige Zeit später treten Anspannung, Hektik oder Müdigkeit wieder in den Vordergrund. Bedeutet das, dass wir einfach noch nicht oft genug Qigong praktizieren? Oder müssten wir länger üben, damit dieser Zustand anhält?

Ein wichtiger Teil der Antwort liegt nicht nur darin, wie lange oder wie oft wir üben. Ebenso wichtig ist die Frage, was zwischen den Übungseinheiten geschieht.

Im Unterricht stelle ich oft die Frage:
Ein Tag hat 24 Stunden. Etwa acht Stunden verbringen wir schlafend. Was geschieht in den übrigen 16 Stunden? Selbst wenn wir regelmäßig Qigong üben, nimmt die eigentliche Praxis nur einen kleinen Teil unseres Tages ein. Doch was geschieht in den vielen Stunden danach?

Wenn wir den restlichen Tag unter Anspannung stehen, von Termin zu Termin eilen, ständig erreichbar sind, grübeln oder kaum Momente finden, um innezuhalten, beeinflusst auch das unser inneres Gleichgewicht und damit das harmonische Zusammenspiel von Körper, Geist und Qi. Genau deshalb lohnt es sich, nicht nur auf die Zeit der Übungen zu schauen, sondern auch auf den Alltag.

 

Wohin die Aufmerksamkeit geht, dorthin folgt das Qi

Im Qigong spielt die Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle. Ein wichtiges Prinzip lautet: Wohin die Aufmerksamkeit geht, dorthin folgt auch das Qi.

Unsere Aufmerksamkeit ist den ganzen Tag mit etwas verbunden – mit Aufgaben, Gesprächen, Entscheidungen, Sorgen, Erwartungen und den vielen Eindrücken, die täglich auf uns einwirken. Im Alltag ist es ganz natürlich und notwendig, unsere Aufmerksamkeit nach außen zu richten. Wir arbeiten, führen Gespräche, treffen Entscheidungen und widmen uns den Dingen, die gerade unsere Aufmerksamkeit brauchen.

Wenn unsere Aufmerksamkeit über längere Zeit fast ausschließlich im Außen gebunden ist und ständig zwischen äußeren Eindrücken, Aufgaben und Gedanken wechselt, findet der Geist nur selten wirklich zur Ruhe und innerer Sammlung. Gleichzeitig kann die Wahrnehmung des eigenen Körpers zunehmend in den Hintergrund treten. Signale wie Müdigkeit, Anspannung oder Erschöpfung werden leichter übergangen.

Die Qualität unserer Aufmerksamkeit

Neben der Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit spielt auch ihre Qualität eine wichtige Rolle.

Wenn wir uns einer Aufgabe widmen, folgt auch unser Qi der Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit. Das ist ganz natürlich und bildet die Grundlage für Konzentration, geistige Präsenz und bewusstes Handeln.

Entscheidend ist dabei die Qualität unserer Aufmerksamkeit: Sind wir ruhig, gesammelt und entspannt oder angespannt und getrieben? Ist unsere Aufmerksamkeit ruhig und gesammelt, kann sich auch das Qi harmonisieren. So können wir uns einer Aufgabe ganz widmen, ohne den Kontakt zu uns selbst zu verlieren.

Ein ruhiger Geist gilt im Qigong als wichtige Voraussetzung dafür, dass sich das Qi sammeln, harmonisch fließen und bewahrt werden kann. Ist der Geist hingegen dauerhaft unruhig und zerstreut, kann sich das Qi weniger sammeln und wird fortlaufend beansprucht. Auf Dauer kann dies die Lebenskraft schwächen und das innere Gleichgewicht beeinträchtigen.

Eine achtsame Verbindung zu uns selbst ist ein wesentlicher Bestandteil des Qigong. Im Qigong werden Körper, Geist und Qi als untrennbare Einheit betrachtet. Die Übungen sprechen alle drei Ebenen gleichzeitig an: Sie fördern die Sammlung der Aufmerksamkeit, unterstützen den Körper dabei, Spannungen loszulassen, und tragen dazu bei, den Fluss des Qi zu harmonisieren. Mit regelmäßiger Praxis entwickelt sich nach und nach eine feinere Wahrnehmung für den eigenen körperlichen und inneren Zustand. Aus diesem Verständnis heraus verändert sich auch der Blick auf die tägliche Praxis: Qigong wird zunehmend zu einer Haltung, die den Alltag begleitet.

Qi pflegen – nicht nur während der Übungen

Wir praktizieren Qigong nicht erst dann, wenn wir bereits erschöpft, gestresst oder aus dem Gleichgewicht geraten sind. Die regelmäßige Praxis unterstützt uns dabei, Körper, Geist und Qi kontinuierlich zu pflegen und Gesundheit, innere Balance sowie Lebensqualität langfristig zu fördern.

Die Übungen bilden dafür die Grundlage: In der Praxis kultivieren wir unser Qi, sammeln unsere Aufmerksamkeit und fördern einen Zustand von Ruhe, Klarheit und innerer Ausgeglichenheit. Mit der Zeit kann das, was wir während der Übungen entwickeln, Schritt für Schritt in unseren Alltag einfließen:

Wir bemerken zum Beispiel früher, wenn Stress entsteht, nehmen unseren Körper bewusster wahr, reagieren gelassener und finden auch in herausfordernden Situationen leichter zu innerer Ruhe zurück.

Oft sind es keine großen Veränderungen, sondern die kleinen Momente des Alltags, die den Unterschied machen: bewusst innehalten, den Atem wahrnehmen, die Schultern entspannen, den Körper wieder spüren oder die Aufmerksamkeit für einen Augenblick nach innen richten.

Zwischen Außenorientierung und innerer Sammlung

Dabei geht es nicht darum, sich aus dem Alltag zurückzuziehen oder die Aufmerksamkeit ausschließlich nach innen zu richten. Vielmehr geht es darum, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Aktivität und Ruhe sowie zwischen Außenorientierung und innerer Sammlung zu entwickeln.

Qigong wird dadurch mehr als eine Übungspraxis. Es bedeutet, bewusst mit der eigenen Lebensenergie umzugehen und das Qi auch zwischen den Übungseinheiten zu nähren und zu pflegen. Wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten, wie wir denken, fühlen und handeln und ob wir auch inmitten äußerer Aktivität immer wieder zu Ruhe und innerer Sammlung zurückfinden, beeinflusst den Zustand unseres Qi.

Die Pflege unseres Qi endet deshalb nicht mit der Übungszeit. Qigong hilft uns, die Verbindung zu uns selbst bewusster wahrzunehmen und auch im Alltag immer wieder zu Ruhe und Klarheit zurückzufinden.

Denn seine Wirkung zeigt sich nicht nur in den Momenten, in denen wir üben, sondern auch darin, wie wir durch unser Leben gehen: mit mehr Bewusstheit, innerer Sammlung und einer achtsameren Verbindung zu unserer eigenen Lebensenergie.

 

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